Lesegottesdienst für Sonntag, den 29.3.2020

Lesegottesdienst am Sonntag Judica, dem 5. Sonntag der Passionszeit. 29.3.2020

 

Begrüßung

Liebe Gemeinde, liebe Leser*innen,

auf ungewöhnliche Weise versammeln wir uns auch heute wieder. Wir versammeln uns, weil wir Sonntag haben.

Wir kommen zwar wieder nur hier zusammen. Jeder für sich mit seiner Familie. Oder jede*r ganz alleine.

Und doch sind wir miteinander verbunden. Als Menschen, als Mitbürger*innen, als Christ*innen.

Wir sind verbunden in der Sorge. Verbunden in der Hoffnung. Und verbunden in dem Glauben, der uns trägt.

So feiern wir Gottesdienst am 5. Sonntag der Passionszeit, dem Sonntag Judica, im Namen unseres Dreieinen Gottes.

Des Vaters, der uns geschaffen hat und uns allen das Leben gegeben hat. Des Sohnes, der für uns das Leben ganz neu gewonnen hat. Und des Heiligen Geistes, der uns stets begleitet in diesem Leben und in Ewigkeit. Amen.

 

Sie könnten das Morgenlied singen oder lesen: 445,1-2.6-7: „Gott des Himmels und der Erde“

Gebet

Herr, unser Gott,

du bist der Schöpfer dieser Welt. Aus Liebe hast du sie geschaffen. Aus Liebe uns Menschen gemacht. Aus Liebe bist du Mensch geworden. Und aus Liebe hast du uns erlöst.

Dafür danken wir dir.

Gleichwohl haben wir als Menschen aber unsere Sorgen und Nöte. Jeden Tag neu, auch heute an diesem so anderen Sonntag.

So legen wir vor dir in der Stille ab, was uns gerade bewegt:

(Stille)

Steht du uns bei. Tröste uns. Und gib uns die Hoffnung, die aus deiner Liebe stets neu erwacht. Amen.

Psalmgebet

Beten wir einen Psalm, der von Gottes Begleitung spricht auf allen unseren Wegen, Psalm 139:

139 1 Ein Psalm Davids, vorzusingen.

HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;

du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich

und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,

das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,

ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da;

bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte

und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen

und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken

und Nacht statt Licht um mich sein –,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,

und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

 

Als Lied können wir singen: „All eure Sorgen“, 631

 

Predigt

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

als Predigttext für heute ist ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief vorgesehen: Hebr 13,12-14:

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Soweit der Predigttext. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

der Hebräerbrief ist ein besonderer Brief im Neuen Testament. Er hat eine eigene Gedankenwelt und ist nicht immer einfach zu verstehen.

Eine kurze Einleitung

Dem Autor geht es im Hebräerbrief darum, den Menschen, die mit dem Judentum vertraut gewesen sind, zu zeigen, dass es auch im Christentum einen Hohenpriester, einen Tempel und Opfer gibt (also alles, was für das Judentum ganz wichtig war). Aber all das vereint der Autor nun in der Person Jesus Christus. Christus ist der Hohepriester, der mit und für uns gelitten hat. Christus hat das Opfer für uns gebracht; durch seinen Tod und seine Auferstehung. Und der Tempel, das ist die Welt, von Gott geschaffen – und die neue Welt, „draußen vor dem Lager“, die Ewigkeit. In diesem Zusammenhang stehen auch die Vers 12-14.

Die Gedankenwelt des Autors und unsere Welt

Liebe Gemeinde, alle Bilder, die der Autor in den wenigen Versen des Predigttextes benutzt, zeigen uns trotz manch fremder Gedanken, wie anders unser Empfinden und unsere Welt gerade geworden sind.

Draußen vor dem Tor“: Natürlich können wir noch nach draußen gehen, hin zu den „Toren“ oder Orten, wo wir uns sonst versammelt haben. ABER: wir können es gerade nicht mehr gemeinsam tun, nur noch als Familie.

Das Lager“: Unser Lager ist aktuell nur unser Zuhause, der Ort, an dem wir als Familie wohnen. Ein anderes Lager (wie zum Beispiel eine Kirche als Versammlungsort vieler zugleich) gibt es gerade nicht.

Keine bleibende Stadt“: Die Stadt um uns herum „bleibt“ gerade – sie „bleibt stehen“. Aus einem wuseligen Ort ist eine ruhige Siedlung geworden.

Unser Leben und unser Glaube

Liebe Gemeinde, zwei unterschiedliche Gedanken begegnen uns heute in diesem Gottesdienst. Zum einen der Predigttext, der eine gewisse Weltflucht uns vielleicht nahelegen könnte („Wir suchen die zukünftige Stadt“) und zum anderen der von mir gewählte Psalm 139, der uns vor Augen hält, dass Gott immer bei uns ist, in jedem einzelnen Moment. Und zwar hier in unserer Welt („Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten“), also dort, wo wir gerade sind und leben.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen scheint es allerdings fast so, als wären das die einzigen beiden Alternativen: entweder darauf zu vertrauen, dass es einst endlich besser wird (in der neuen ewigen Welt). Oder eben ganz darauf zu setzen, dass Gott uns hier schon beistehen wird.

Gleichwohl wäre es meiner Meinung nach falsch, diese Alternativen aufzumachen, auch wenn das im Laufe der Kirchengeschichte (leider) oft so gewesen ist. Ein paar Beispiele:

Weltflucht

Die frühen Christen rechneten ständig mit der Wiederkehr Christi. Das Leben auf Erden hatte keine große Bedeutung. Man übte sich zwar in Fürsorge und Diakonie – aber das nahe Ende war damals ausgemachte Sache.

Bereits ab dem 3. Jahrhundert entstand das Mönchstum in breitem Ausmaß. Einmal als Eremiten (Einsiedler) und einmal als klösterliche Gemeinschaft fern der restlichen Zivilisation bzw. hinter festen Mauern. Das Ziel war oftmals, sich das Heil in der neuen Welt zu verdienen.

Und natürlich gab es auch in anderen großen Krisen der Menschheit, wie etwa dem 30-jähren-Krieg oder zuvor in Zeiten der Pest, zumeist nur den einen Blick, der auf das Jenseits gerichtet war.

Aufgehen in der Welt

Daneben aber gab es auch stets Phasen, in denen das Christentum ganz in der Welt aufgegangen ist und sich die Kirchenstruktur ganz der weltlichen Verwaltung „unterworfen“ hatte. (z.B. Ottonisches Reichs-Kirchen-System und vieles mehr).

Es gab oftmals eben nur das eine oder das andere: Das Aufgehen im Leben auf Erden – oder der Blick nur in die jenseitige Zukunft gewandt.

Ich halte diese Alternative stets für falsch!

Natürlich macht es uns Christen aus, dass wir eine Hoffnung, eine in Christus begründete Hoffnung haben, nach dieser Welt in Gottes ewigem Reich zu leben.

ABER wir sind und bleiben auch immer Erdenbürger. Menschen, die in dieser irdischen Schöpfung unseres Gottes leben, hoffen, trauern, leiden, uns freuen und tätig sind.

Dass wir Letzteres vielleicht umso besser tun können, weil wir von der ewigen Erlösung überzeugt sind, das stimmt. Aber eines gegen das andere ausspielen, das ist fatal.

Deswegen sind mir auch die Worte aus Jeremia 29,7 stets so wichtig, wo es heißt: „Suchet der Stadt Bestes!“. Jeremia sprach sie übrigens auch in einer großen Krise aus, der Krise der Deportation der jüdischen Oberschicht nach Babylon nach 587 v.Chr.

In diesen Worten des Jeremia ist aber keine Weltflucht zu vernehmen, ganz im Gegenteil. Vielmehr motiviert er die Menschen, dass sie aus ihrem Glauben heraus auch in Not das Beste tun – hier in dieser Welt.

Und deswegen möchte ich auch die Worte des Predigttextes mit der „zukünftigen Welt“ doppelt lesen wollen:

  1. „Wir suchen die zukünftige Welt“: das heißt zum einen, wir vertrauen darauf, dass Gott uns hält – hier und dann in Ewigkeit

  2. „Wir suchen die zukünftige Welt“: das heißt auch, dass wir daran mitwirken mögen, dass diese Welt auf Erden in Zukunft besser wird

Liebe Gemeinde, mir ist bewusst, wie schwer die Corona-Krise uns alle betrifft. Für viele ist es gar eine existentielle Bedrohung. Für andere eine schwer zu handhabende Situation zu Hause mit Home-office und Kinderbetreuung zugleich. Für manche eine große Angst.

Und doch meine ich, dass wir in dieser Krise auch ein paar positive Dinge für uns selbst erkennen können:

Ich selber merke, wie wenig ich eigentlich benötige. Vielleicht geht es auch Euch oder Ihnen so. Das ist für mich eine sehr wohltuende Erkenntnis, die ich mir auch über diese Zeit hinaus bewahren will. (Bescheidenheit und Dankbarkeit)

Dazu erleben wir nun ganz neu, was Familienleben bedeutet. Zum einen vielleicht, weil wir unsere Angehörigen nicht besuchen können (Alten- und Krankenhaus, kein Kontakt zwischen Enkeln und Großeltern), sie uns daher fehlen. Zum anderen aber auch, weil wir ganz stark aufeinander „geworfen“ sind. Und gerade Kinder das vielerorts gewiss sehr genießen. Samuel tut es auf jeden Fall sehr. (Nähe und Zeit füreinander)

Außerdem lernen wir gerade wohl ganz neu zu schätzen, was uns sonst so selbstverständlich ist: Freiheit, Begegnungen, ein blühendes Leben in den Städten oder Läden. Kultur. Gottesdienste. Eine wunderschöne Landschaft, die uns umgibt. Ein unglaublicher Sternenhimmel in kalter Nacht. Einfach Leben auf Erden.

Dazu sehen wir vermeintlich Selbstverständliches neu, zum Beispiel eine Solidarität und Gemeinschaft in der geforderten Distanz. Menschen erklären sich bereit, für andere einzukaufen. Gutscheine werden in den regionalen Läden gekauft, um zu unterstützen. Man telefoniert und fragt nach, wie es dem und der anderen geht. Man ist in Kontakt mit den Menschen, die man kennt, um die man sich vielleicht sorgt.

Dies und vieles mehr fällt uns dieser Tage neu auf. Auch deswegen, weil wir die Welt neu sehen, weil wir vielleicht mal etwas mehr Ruhe haben oder weil wir bewusst die Augen öffnen, um uns eine Meinung zu bilden.

Und ich hoffe sehr, dass wir uns das alles bewahren können für die Zeit, die irgendwann wieder „normal“ werden wird. Gott hat uns diese Welt geschenkt, anvertraut, auf dass wir sie „bebauen und bewahren“ (Gen 2). Aber auch, dass wir das Leben auf Erden leben und genießen, davon bin ich fest überzeugt. Allerdings möchte Gott gewiss, dass es allen gut geht.

Jeder Einsatz dafür ist nötig und wichtig. Und jeder Einsatz dafür ist begleitet von Gottes Kraft und Geist; von Gottes Segen.

Und wir können dies umso mehr, da wir wissen, dass Gott noch ein ganz anderes Leben einst für uns bereithält. Durch eben jenen Christus „draußen vor dem Tor“.

Deswegen wünsche ich mir sehr, dass wir jetzt schon das, was möglich ist, tun. Die Beispiele der Solidarität und Gemeinschaft, die ich oben genannt habe, ließen sich gut verlängern.

Aber ich wünsche uns allen auch, dass wir nach dieser nun schweren Zeit all das nicht vergessen. Dass wir bewusst einstehen für diese unsere Erde und die Menschen, die darauf leben. So vieles gibt es, das auf Erden tatsächlich besser werden könnte.

Blicken wir mit Gott in die Zukunft. Die irdische Zukunft zuerst und danach oder daneben dann auch die himmlische, ewige. Ich meine, es lohnt sich beides.

Und: All das mag uns auch befreien von zu viel Angst und Sorge – uns aber auch zur Verantwortung für alle stets neu leiten.

Abschluss

Dass neue Zeiten immer einen neuen Blickwinkel haben und brauchen, das zeigt uns im Übrigen auch der Hebräerbrief. Der Autor musste das Alte neu beschreiben – bzw. das Neu in den gewohnten Kategorien darstellen. Er passte sich der Zeit an und ging mit.

Tun wir das auch. Behalten wir all unser Gottvertrauen. Versammeln wir uns zu Hause zum Gebet. Denken wir an all die, die nun Hilfe brauchen. Und geben wir diese Welt nicht auf, sondern gestalten wir so, wie wir können, immer mit. Für alle. Und das mit dem Wissen, dass Gottes ewige Liebe uns nie verlässt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Als Lied möchte ich Euch vorschlagen: „Herr, wir bitten: Komm und segne uns“: 572,1-5

 

Gebet

Herr, unser Gott. Wir bitten dich, bewahre und behüte uns und unsere Lieben. Hab Acht auf diese deine Welt und gib allen, die Verantwortung tragen, Kraft, Stärke und die richtigen Gedanken. Danke, dass du bei uns bist. Amen.

 

Sprechen wir das Vaterunser

 

Segen

Es segne Euch und diese Welt der barmherzige und gütige Gott.

Er gebe uns Kraft und Zuversicht. Er helfe allen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Er verbinde uns in seiner Liebe.

Und er bewahre uns und unsere Lieben.

So segne uns Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

 

Ihnen und Euch allen einen guten, gesegneten Sonntag!

Peter Söder