Lesegottesdienst mit Predigt für Sonntag Lätare, 22.3.2020

Lesegottesdienst am Sonntag Lätare, dem 4. Sonntag der Passionszeit. 22.3.2020

 

Liebe Gemeinde,

liebe Leser*innen,

auf ungewöhnliche Weise versammeln wir uns heute hier. Jeder für sich, vielleicht mit einer Tasse Kaffee oder Tee, vielleicht im Schlafanzug, vielleicht zu später Stunde an diesem Sonntag.

Wir versammeln uns, weil wir Sonntag haben. Ein Tag, der uns normalerweise in die Kirche führt oder mit der Familie in den Zoo, die Innenstadt, auf Spielplätze oder an andere Orte, wo viele Menschen zusammenkommen.

Heute aber kommen wir nur hier zusammen. Jeder für sich mit seiner Familie. Oder jede*r ganz alleine.

Und doch sind wir miteinander verbunden. Als Menschen, als Mitbürger*innen, als Christ*innen.

Wir sind verbunden in der Sorge. Verbunden in der Hoffnung. Und verbunden in dem Glauben, der uns trägt.

 

So versammeln wir uns heute an diesem so anderen Sonntag, dem Sonntag Lätare, der der 4. Sonntag der Fastenzeit (eigentlich) ist im Namen unseres Dreieinen Gottes.

Des Vaters, der uns geschaffen hat und uns allen das Leben gegeben hat.

Des Sohnes, der für uns Mensch geworden ist, um zu wissen, was es heißt, auf Erden zu leben. Um uns nahe zu sein und uns zu erlösen.

Und im Namen des Heiligen Geistes, der uns immer wieder neu seine Kraft und Stärke gibt.

Amen.

 

Liebe Gemeinde, der Wochenspruch steht in Joh 12,24 und lautet:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Joh 12,24 (Wochenspruch)

 

In diesen Tagen ist es nicht leicht, das Wort „sterben“ zu hören oder zu lesen. Für uns als Christ*innen heißt es aber, dass Christus durch den Tod gegangen ist, um das Leben, das ewige Leben zu eröffnen. Und um uns zu helfen, hier gut und besonnen und vernünftig zu leben.

So wollen wir es auch tun. „Stay strong – stay at home“, wie eine von vielen Aktionen gerade heißt. Ja, wir bleiben zu Hause oder sind nur mit der Familie unterwegs. Und das, um stark zu sein, füreinander im Abstand da zu sein. Und dafür zu sorgen, dass es möglichst allen bald und dann wieder gut geht.

Uns allen einen gesegneten Gottesdienst. Amen.

 

Wer mag, der kann nun ein Lied singen. Ein frohes Lied, denn wir müssen und dürfen allem Schweren auch das Gute und Hoffnungsvolle stets neu entgegensetzen. Ich möchte das auf jeden Fall tun. Es ist ein Lied der Schöpfung und Liebe Gottes:

„Morgenlicht leuchtet“ (455 im Gesangbuch)

 

Gebet

Herr, unser Gott,

du bist der Schöpfer dieser Welt. Aus Liebe hast du sie geschaffen. Aus Liebe uns Menschen gemacht. Aus Liebe bist du Mensch geworden. Und aus Liebe hast du uns erlöst.

Dafür danken wir dir.

Gleichwohl haben wir als Menschen aber unsere Sorgen und Nöte. Jeden Tag neu, auch heute an diesem so anderen Sonntag.

So legen wir vor dir in der Stille ab, was uns gerade bewegt:

(Stille)

Steht du uns bei. Tröste uns. Und gib uns die Hoffnung, die aus deiner Liebe stets neu erwacht. Amen.

 

Beten wir den Psalm, der alle Menschen von Groß bis Klein anspricht. Der uns vertraut ist. Der uns stets neu sagt: „Ich bin mit dir, egal, wohin du gehst!“. Den Psalm 23:

 

Der gute Hirte

231 Ein Psalm Davids.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

 

Als Lied können wir singen: „Herr, gib uns unser täglich Brot“. (464). Ein Lied, das uns zeigt, was wir brauchen. Das täglich Brot, die Gemeinschaft im Sinne der Fürsorge füreinander. Und die Liebe, die uns hält und trägt.

„Herr, gib uns unser täglich Brot“. (464).

Predigt

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

als Predigttext für heute ist ein Abschnitt aus dem Propheten Jesaja im 66. Kapitel vorgesehen. Ein froher, hoffnungsvoller, tröstender Text“. Es tut gut, in dieser Zeit etwas Gutes zu lesen.

Und das gilt auch, wenn zunächst das (ferne) Jerusalem angesprochen ist und wenn es Bilder enthält, die manchem vielleicht merkwürdig erscheinen.

Lesen wir den Predigttext:

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

(Jes 66,10-14)

 

Liebe Gemeinde,

ich habe das große Glück, eine wunderbare Mutter gehabt zu haben. Eine Mutter, die immer für mich da gewesen ist, die ganz für ihre Kinder, für mich und meinen Bruder, gelebt hat und darin aufgegangen ist, und die stets tröstete und sich sorgte, wenn es nötig war.

Wenn ich daran denke, dann merke ich aber umso mehr, wie sehr das Leben gerade nicht normal ist. Denn meine Mutter lebt noch, sie ist im Alten- und Pflegeheim in Herzogenaurach. Aber: ich konnte sie seit zwei Wochen nicht mehr besuchen. Zunächst war ich krank und hielt mich fern, nun darf ich sie nicht mehr besuchen. Das Heim ist abgeriegelt, wie alle anderen auch. Auf bedrückende Weise erleben wir das alles. Aber die Mutter, die nicht mehr wirklich einordnen kann, was passiert; diese Mutter nicht mehr besuchen zu können, das ist mehr als schwer. Und jeder von uns hat ähnliche Sorgen um seine Lieben, um Nachbarn, um Bekannte. Menschen, denen wir gerade nicht uns so einfach nähern können.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Meine Mutter kann ich aktuell also leider nicht trösten. Nur über Briefe, da sie mich am Telefon nicht mehr versteht. Und bei den Briefen muss ich hoffen, dass das Pflegepersonal, das natürlich nach wie vor arbeitet und unglaublich tolle und anstrengende Arbeit leistet, diese Briefe ihr vorliest.

 

Ja, das Leben hat sich verändert. Sehr verändert. Es sind tiefe Einschnitte und wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Gott spricht uns nun heute diese Worte zu. Und ich bin froh, sie zu lesen. Denn Trost, Zuspruch, Unterstützung benötigen wir alle.

Ich bin aber auch froh, dass ich aus meiner Biographie weiß, wie dieser mütterliche Trost aussieht. Nämlich:

Da zu sein, zuzuhören, sich zu kümmern, nicht wegzulaufen und immer wieder Nähe geben. Wie meine Mutter es eben früher tat.

Und genau das sagt uns unser Gott auch zu. Immer wieder neu. Jeden Tag. Ohne Unterlass. Und heute ganz besonders.

Ja, Gott duckt sich nicht weg. Er tut das nicht, wenn wir Fehler machen oder uns in Sünde verrennen. Er tut es nicht, wenn es uns gut geht und wir ihn vielleicht nicht brauchen. Und er tut es nicht, wenn das Leben sich so sehr verändert hat wie jetzt.

Gott ist ganz bewusst Mensch geworden, um uns seine Nähe zu zeigen. Um sich mit der Welt zu solidarisieren. Und um diese Welt zu erlösen. Es ist dabei eine Erlösung, die einerseits noch vor uns liegt – andererseits aber auch eine Erlösung, die uns immer wieder neu ermutigt, zu leben, zu handeln, füreinander da zu sein, sich zu kümmern oder eben auch einander zu trösten.

Und es gibt ja so viele Beispiele dafür.

Der Musikerverbund lädt ein, heute Abend um 18 Uhr zu musizieren, „Freude schöner Gotterfunken“. Jeder für sich und doch für alle.

Die EKD, die Evangelische Kirche in Deutschland, ermutigt allabendlich um 19 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. Für den Nachbarn. Und für sich selbst.

Die politische Gemeinde ruft auf, sich zu melden, wenn man Hilfe braucht – und Bürger*innen sind bereit, eben zu helfen. Einkäufe zu tätigen, Zuspruch zu geben am Telefon. Natürlich gilt das auch für uns: Diakonin Harkort und ich stehen immer bereit, um mit ihnen am Telefon zu sprechen oder mit ihnen per E-Mail in Austausch zu treten. Keiner muss alleine sein – auch wenn wir uns nicht versammeln.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Meine Mutter gab mir immer das Gefühl: Egal, was du tust, ich bin bei dir.

Das hieß für mich, mutig dem Leben entgegentreten. Keine Angst und keine Furcht zu haben, aber dennoch vernünftig und bescheiden zu sein.

Sie brachte mir auch bei, sich an das zu halten, was gilt. Auch das ist eine Art des Trostes, denn er gibt Orientierung.

Und so mag ich es auch heute halten: zum einen sich – natürlich – an die Vorgaben zu halten. Zum anderen aber auch weiterhin mutig zu leben, ohne übertriebene Angst und Furcht. Aber eben mit Rücksicht auf die, die meine Rücksicht benötigen.

Meine Mutter hat nie geschrien: „Ich, ich, ich“, sie zeigte uns, dass man auch mit Zurückhaltung an sein Ziel gelangen kann. Und so sehe ich es auch heute. Das Ziel ist, dass wir andere schützen, dass wir die Ausbreitung stoppen und dass wir dann hoffentlich „bald“ wieder ein normales Leben haben.

Und als Christ*innen können wir das umso mehr tun, da wir wissen, dass Gott uns stets auf diesen Wegen begleitet. Sein Wort ist immer für uns da. Wir können es lesen, meditieren, vielleicht anhören per CD, Internet oder vieles mehr. Gottesdienste werden übertragen und überall sind Andachten zu hören. Auch für Kinder haben wir auf der Homepage die Kindergottesdienstangebote eingestellt.

Holen wir uns aus Gottes Wort Kraft. Auch Jesus war immer für die Schwachen da. Auch bei ihm galt stets: trösten und an die anderen denken.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Dieser Trost sagt übrigens auch, dass es immer weiter geht. Die Welt hat so viele Krisen schon erlebt. Finanzkrisen, Kriege, Seuchen und die Pest. Zu keiner Zeit dachten die Leute vielleicht, dass es mal besser werden könnte. Und doch wurde es immer wieder „besser“, auch wenn diese Einschätzung natürlich stets relativ ist. Aber zumindest ging das Leben immer weiter.

Ich höre so oft von Leuten: wir werden das überstehen!

Und so ist es auch. Mit Geduld, mit Gottes Kraft und Stärke und mit unserer Umsicht und Liebe.

Nach dem Kirchenjahr ist Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Weg zu Kreuz und in den Tod. Wir denken an seine Passion, sein Leiden. Und wir bedenken, wie er das alles für uns getan hat. Seinen ganzen Weg ist er aus Liebe gegangen.

In all dem schweren hat auch er nie resigniert. Hat zwar mal offen gehadert („Lass, wenn es geht, den Kelch an mir vorüber gehen“), aber er war stets höflich, freundlich und eben für alle da.

Und er konnte es, weil er wusste, dass sein Vater auch ihn stets tröstet. Im Gebet hat Jesus sich die Kraft geholt, im Gespräch mit Gott, seinem Vater.

Mögen auch wir das tun. Mögen auch wir nicht resignieren. Mögen wir höflich und freundlich bleiben. Und mögen wir an die denken, die unsere Rücksicht und unsere Hilfe benötigen.

Und mögen wir in allem vielleicht auch unserer Freude und Dankbarkeit neu finden. Was für ein tolles Leben haben wir doch. Wie schön ist es, zu leben. Von Gott dieses Leben geschenkt bekommen zu haben. Alle Freiheit und alle Freude.

Man sieht das ja oft erst, wenn es einem (vorübergehend) genommen ist.

Daher mögen wir eben genau das nicht vergessen: zu danken!

Und in jeder Sorge wenden wir uns an Gott. Sprechen sie ehrlich aus. Und vertrauen darauf, dass er uns liebt.

Heute schon freue ich mich auf den Tag, da ich wieder zu meiner Mutter kann. Ihr Danke sagen kann für alles, was sie damals getan hat. Und ich freue mich, sie dann zu trösten, wie sie es eben einst mit uns tat.

Bleiben Sie gesund! Bleibt gesund!

Gott segne uns alle und bewahre uns und tröste uns, wie eine Mutter das tut. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Als Lied möchte ich Euch vorschlagen: „Vergiss nicht zu danken“. Dieses Lied begleitet mich seit meinen Tagen im (kath.) Kindergarten in Würzburg. Es ist für mich ein Lied durch alle Zeiten. Und es hält uns vor Augen, dass es immer so viel Grund gibt, zu danken. Für das Leben, für Gottes Güte, für sein Mitgehen. Besonders Strophe zwei hält uns das so sehr vor Augen: „Du kannst ihm vertrauen in dunkelster Nacht, wenn alles verloren erscheint. Er liebt dich auch wenn du ihm Kummer gemacht, ist näher als je du gemeint. Barmherzig, geduldig und gnädig ist er…“

Lied: „Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn“ (602)

 

Gebet

Herr, unser Gott. Wir bitten dich, bewahre und behüte uns und unsere Lieben. Hab Acht auf diese deine Welt und gib allen, die Verantwortung tragen, Kraft, Stärke und die richtigen Gedanken. Danke, dass du bei uns bist. Amen.

 

Sprechen wir das Vaterunser

 

Segen

Es segne Euch und diese Welt der barmherzige und gütige Gott.

Er gebe uns Kraft und Zuversicht. Er helfe allen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Er verbinde uns in seiner Liebe.

Und er bewahre uns und unsere Lieben.

So segne uns Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

 

Zum Abschluss lade ich uns ein, das Lied von Dietrich Bonhoeffer zu singen: „Von guten Mächten“.

Er hat es in größter Not geschrieben. Ein Lied voller Zuversicht für ihn und für so viele. Auch für mich, denn ich glaube und bekenne fest: „Von guten Mächten, von Gott, bin ich wunderbar geborgen, komme was wollte“.

 

„Von guten Mächten“ (637)

Ihnen und Euch allen einen guten, gesegneten Sonntag. Bleiben Sie gesund, bleiben Sie zu Hause oder nur als Familie im Freien. Und bleiben Sie trotz allem zuversichtlich! Ich werde das auf jeden Fall tun!

Peter Söder