Predigt 2. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Besucher,

hier ist die Predigt für den 2. Sonntag nach Trinitatis nachzulesen:

Jesu Lobpreis und Heilandsruf, Mt 11

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.

26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Liebe Gemeinde,

es gibt so vieles, was mich immer wieder aufs Neue an unserer Bibel fasziniert. Das beginnt bei den hymnischen und tiefen Texten und Versen der Psalme oder auch der Gedankenwelt der Sprüche. Es geht weiter über die unzähligen schönen und spannenden Geschichten in den ersten Büchern der Bibel, die Erzählungen der Erzväter bis hin zu Mose. Es steigert sich über die tiefen Gedanken der Propheten und natürlich von Jesus selbst. Und es mündet in der persönlichen Ansprache Gottes, die ich meine, durch die Worte der Bibel zu entdecken.

All das ist einfach bezaubernd. Und doch: Am meisten fasziniert mich trotzdem etwas anderes. Etwas, das mich immer wieder fast sprachlos macht; nämlich: dass die Bibel immer wieder neu und aktuell zu uns Menschen, zu mir reden kann.

Nehmen wir nur den heutigen Predigttext. Wie viele Anklänge an unsere aktuelle Zeit und unsere Tage hören wir nur, wenn wir es zulassen oder bewusst wollen:

Das Wechselspiel zwischen Offenkundig und Verborgen, von dem Jesus spricht: wie sehr mag sich darin das Spannungsfeld zwischen Empfehlung der Experten und Handeln der Regierung einerseits – und den Verschwörungssorgen andererseits abbilden.

Oder die Frage des Erkennens und der verborgenen Offenbarung. Es wirkt wie das Suchen und Forschen nach dem Impfstoff und die Frage, auf welches Pferd man setzen soll.

Und schließlich das Joch, die Sehnsucht nach Erquickung und die Ruhe. Ich höre darin die Fragen und Nöte der Kontaktbeschränkungen, die Sehnsucht nach Urlaub an exotischen Stränden und den Wunsch nach einer Krisen-Auszeit.

Ja, liebe Gemeinde, all das kann man aus dem Predigttext heraushören oder hineinlesen. Bisweilen etwas konstruiert, zugegeben, aber doch immer ganz nah am Leben.

Und doch geht das Faszinosum noch einen Schritt weiter. Denn das, was ich heute mit dem Bibeltext erlebe, das galt schon immer; für mich als schon bald 40 Jahre lang.

Immer wieder schafft es die Bibel, in meine gerade aktuelle Situation zu sprechen.

Wenn das aber bei mir und vielleicht bei uns allen so ist, dann wird es wohl auch früheren Generationen so gegangen sein. Menschen, die nichts von Corona wussten. Menschen, die andere Situationen vorgefunden hatten, Menschen, die eine ganz andere Lebensausrichtung gehabt haben, als wir heute.

Wie mag ein Mensch in einem der großen Kriege, dem 7-jährigen, dem 30-jährigen, dem 100-jährigen Krieg oder den Weltkriegen die Worte aufgenommen haben. Die Worte: kommt her zu mir, die ihr müßig seid…

Wie mögen die Menschen zu Zeiten der großen Entdeckungen, etwa Gallileo, Keppler, Kopernikus, Darwin oder Freud die Spannung zwischen Offenkundig und Verborgen erlebt haben.

Und wie mögen andere, die unter Verfolgung und ohne Rechte lebten, die Erkenntnis und Wahrnehmung der Unmündigen vernommen haben.

Wahrscheinlich und gewiss jede*r so, dass die Worte ganz ihm oder ihr „jetzt“ galten.

Doch warum ist dem so? Was macht die Bibel so stets aktuell?

Ganz fromm gesprochen ist es natürlich der Geist Gottes, der uns die Gedanken Gottes ins Herz legt.

Nicht weniger fromm, aber sehr viel praktischer ist folgende Antwort darauf: Jesus und die meisten Autoren der Bibel schafften es einfach, große Dinge im Kleinen – und kleine Dinge im Großen abzubilden.

Im Blick auf den heutigen Predigttext nun wieder könnte das im Übrigen bedeuten: „Du di net o“.

Oder anders gesagt – weil mein Fränkisch nicht das Reinste ist – „mach dir nicht zu viele Gedanken“

 

Keine Frage: zum Menschsein gehört es, sich Gedanken zu machen. Und wer nicht für morgen sorgt, der ist gewiss nicht sehr verantwortungsvoll.

Dennoch spricht uns Jesus das zu. Und er tut es, weil er weiß, dass jenseits all unserer Wünsche, Hoffnungen, Sorgen, Nöte und Fragen immer das Eine steht. Nämlich: wo bin ich zu Hause, wo findet meine Seele Ruhe, wo darf ich ganz ich sein?!

Und Jesus stellt uns auf jeder Seite klar vor Augen: dein Zuhause ist bei Gott, bei dem, der dich liebt, der dich geschaffen und erlöst hat. Alles andere hat keine wirkliche Bedeutung.

Das sagt sich zwar leichtfertig dahin, aber es steckt tief in Jesu Botschaft und in der Art, wie er seine Leben auf Erden lebte.

 

Denn er selbst, er hatte tatsächlich Ruhe, Ruhe für seine Seele. Er hing nicht an Geld und Besitz. Ein Haus, ein Grundstück, ein Bankkonto; all das konnte er nicht sein Eigen nennen.

Und immer wieder haben Menschen diesem Ideal nachgestrebt. Mönche, Nonnen, Klöster, Eremiten.

Allerdings kann das ja nicht der einzige Weg sein. Und auch Jesus hat diesen nicht alleine propagiert. Was er aber tat, das war in der Welt dieser Welt die Augen für den Mehrwert zu öffnen.

Jesus tat das mit seinen Worten – Luther wie viele andere mit ihren. Und bei Luther finden wir das schöne Wort: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“.

Und in dieser Hinsicht haben gewiss all die schweren Lebenslagen auch geholfen. Geholfen, den Blick neu zu öffnen. Nach großen Wissenschaftlichen Entdeckungen – etwa die Sonne und nicht mehr die Erde als Zentrum - , nach großen Kriegen oder in totalitären Staaten: all da, wo das Leben so anders war, da hat Jesu Blick gewiss neu Kraft frei gesetzt. Und so erlebe ich das auch heute mit Corona. Natürlich lieben wir unsere Freiheiten, unseren Urlaub und die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was wir wollen. ABER: das wahre Leben vollzieht sich an anderer Stelle. In der Seele, dort, wo wir den größten Durst haben. Dort brauchen wir Trost, Liebe und Segen.

Und Jesus sagt uns immer wieder: kommt her, kommt zu Gott. Er ist das Leben.

Deswegen, weil wir uns danach sehnen, deswegen spricht die Bibel wohl immer wieder an. Und weil sie befreit von dem einen Grundthema: nämlich immer mehr haben zu müssen.

Denn so wird dann jedes Joch leichter und jede Last trag- und schulterbar.

Mag Gott in Jesus uns dabei helfen.

 

JETZT: Ich lade uns ein, einen Moment Zeit zu nehmen. Nachzudenken, wo unser Durst ist. Wo wir von Gott Trost, Liebe und Segen uns weiter wünschen.

Wir werden kurz etwas Instrumentalmusik hören. Anschließend schließe ich mit einem Gebet.

Gebet

Amen.