Pfingstgottesdienst Predigt

Der Turmbau zu Babel – Gen 11

11 1Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

2Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.

3Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel

4und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

5Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

6Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

7Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

8So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

9Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

 

Liebe Gemeinde,

aus acht Richtungen möchte ich mich heute dem Predigttext und damit dem Turm zu Babel und natürlich auch Pfingsten nähern. Acht Richtungen, die jeweils aus zwei Paaren bestehen.

Dabei geht es einmal um die Frage der Größe. Einmal um den Faktor Zeit. Einmal um die Verknüpfungen der Welt. Und einmal … ja, um Gottes Blick.

 

Perspektive 1 – Was für ein Bau!

Unser Autor rollt durch das Hinterland von Amsterdam. Wir schreiben das Jahr 1996. Irgendwie hatten wir uns verfahren. Es war so vermeintlich einfach gewesen: raus aus dem Campingplatz. Die große Hauptstraße Richtung Innenstadt. Zweimal an einer Kreuzung abbiegen. Ziel.

Dasselbe sollte nun auch auf dem Rückweg geschehen, aber irgendwo hatten wir einen Fehler eingebaut. Denn dort, wo wir den Campingplatz vermuteten – den Platz, wo unser Zelt stand – da war nur weites Land.

In der Zeit vor Internetempfang überall und Internetfähigen Handys eine Herausforderung.

So rollten wir weiter und weiter. Ein neuer Anlauf nach dem anderen.

Und plötzlich tauchte sie auf. Sie, die neue Arena von Amsterdam. Ich wusste nicht, dass sie außerhalb der Stadt errichtet wurde. Und ich hatte keine Ahnung, dass wir uns ihr näherten.

Damals war sie so unglaublich groß und gigantisch in meinen Augen. Ich weiß noch genau, wie ich mit offenem Mund staunte. Mitten im Nichts war sie da. Welch ein Bauwerk.

Wie in Babel: Welch ein Bauwerk

4 lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche

 

Perspektive 2 – Winzig klein

Wer Nördlingen kennt, der wird neben dem Ries und der historischen Stadtmauer vor allem ihn kennen, den Daniel.

Auf diesen Namen ist er getauft, der große Turm in der Stadtmitte. Der Turm der spätgotischen Hallenkirche St. Georg. Es ist ein Turm, von dem allabendlich die Rufe „So, G´sell, so“, erklingen. Unübersehbar. Inmitten der Stadt.

Und doch hatte ich ihn aus dem Auge verloren. Mitten in der verwinkelten Innenstadt.

Die Augen gingen zum Himmel. Suchten die Häuser ab. Doch er war weg. Daniel war verschwunden.

Ähnlich übrigens, wie es manchmal Fremden in Münchaurach geht. Das ehemalige Kloster und natürlich die Klosterkirche, eigentlich so groß und von weitem sichtbar – es verliert sich manchmal, wenn man die Königstraße entlangrollt.

So eben auch damals. Größe bedeutet also nichts, wenn der Blick verstellt ist. Größe ist relativ. Ja, Größe kann auch klein sein. Wie der Bau zu Babel:

5Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

 

Perspektive 3 - Geduld

Manchmal mag man seinen Augen nicht trauen. Da, wo gestern noch alles seinen festen Ort hatte, da ist morgen nichts mehr, wie es war.

Als unterhalb der Ackerlänge das neue Baugebiet vorbereitet worden ist, da machten Bulldozer und Bagger über Nacht quasi alles neu. Die Wiese war weg. Hügel, soweit das Auge reicht. Ein Kletterparadies für Kinder und vor allem für die Kita Sonnenschein.

Nun allerdings wird es dauern. Bis alle Häuser und Straßen gebaut sein werden, bis die Familien eingezogen sind und bis alles angewachsen und begrünt sein wird, vergeht Zeit.

Bauen braucht oft Zeit. Und wenn schon nicht der Bau an sich immer, dann zumindest die Vorbereitungen, Planungen, Kredite. Usw. Oder aktuell das Finden von Handwerkern und Baumaterial.

Viele Beispiele könnte man dafür nennen. Ich denke einfach an den Pfarrhof. Schon bevor ich vor 8 Jahren hier angefangen hatte, war er ein Thema. Dann während all der Zeit. Und nun, da alles beisammen ist, da gibt es neue Probleme aus München. Und wieder dauert es.

Ja: Manchmal braucht man Geduld.

Vieles braucht einfach ganz viel Zeit. Wie in Babel.

3Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns

 

Perspektive 4 – Schnell ist es passiert

Irgendwann in der Nacht gab es nur noch diese eine Frage: wird die Westfassade halten oder wird das Gesicht für immer verloren sein?

Spätestens seit der Lektüre von „Säulen der Erde“ von Ken Follet war es mehr als spannend, sich vorzustellen, wie nach und nach Notre Dame de Paris gewachsen und geworden ist. Damals. Eine neue Technik: die Gotik. Lichtdurchflutet. Hell. Hoch. Gigantisch.

Über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte wurde gebaut – und fertig war man nie gewesen. Auch jetzt sollte wieder am Dach gearbeitet werden. Aber dann… Ein Funke. Ein zweiter. Schweißarbeiten? Eine Zigarette?

Auf jeden Fall stand schnell alles hell in Flammen.

Breaking news. Tränen und Schreie. Verzweiflung. Was ist Paris ohne Notre Dame. Der Louvre, Sacre Couer, Eifelturm und Arc de triumphe. Ihnen allen würde das Gegengewicht auf der Ile de la cité fehlen.

Dann aber die gute Nachricht. Es ist nicht alles verloren. Wir bauen wieder auf. So hieß es schnell.

Und doch: unfassbar, was Flammen in ein paar Stunden zerstören können, wo zuvor über Jahrhunderte gebaut worden war. Manchmal geht alles so schnell.

Wie Gott es tat, am Bau von Babel

8So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

 

Perspektive 5 - Vernetzt

Eine Welt ohne Internet – eigentlich nicht mehr vorstellbar. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: eigentlich noch unvorstellbarer, dass das Internet vor 20 Jahren noch nicht diese Rolle gespielt hat, wie heute. 20 Jahre.

2001 bekam ich meinen ersten Zugang. Und doch brauchte ich ihn nur für meine erste E-Mail-Adresse bei AOL.

2006 mein Einstieg ins Vikariat. Internet? War immer noch nicht nötig. Alles ging per Telefon oder per Absprachen im Büro. Ab und an mal eine Mail. Ja, aber sonst nichts.

Und heute? Heute trifft man sich pandemiebedingt nur noch im Internet: zoom, teamer oder wie die virtuellen Räume heißen.

Die Welt ist zusammengerückt. Eine Sprache braucht man dabei sogar nicht mehr. Alles wird übersetzt. Simultan. Vom Computer. Wer das will.

Der Computer, das Internet. Das ist die eine Sprache. Das Esperanto der Gegenwart.

Auch so war es einmal, vor dem Babel-Bau:

1Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

 

 

Perspektive 6 - Zerstreut

Und dann waren die Grenzen dicht. Sogar im Schengenraum. Doch nicht nur die Grenzen zu anderen Ländern. Auch die zu den Nachbarn, Freunden. Sogar zu Familienangehörigen.

Plötzlich gilt es fast als ein Verbrechen, wenn man sich trifft. Damit meine ich nicht Länder oder Kontinente. Nicht mal sogar nur Nachbarn. Nein, ich rede – wir wissen es – sogar von Familienangehörigen.

Bande sind vorübergehend zerschnitten.

Und dann ruft der Nachbar die Polizei. Dann werden kleine Versammlungen aufgelöst. Dann ist plötzlich zerstreut, was eben noch eins gewesen ist.

Und manch, die verstehen sich nicht mehr. Inhaltlich. Verbittert. Verbohrt. Rechthaben. Und Gewinnen. Auch Vordrängeln. Die Welt hält plötzlich nicht mehr so zusammen, wie noch vor ein paar Monaten.

Wie im Stimmgewirr Babel:

9Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

 

Perspektive 7 – Der Turm zu Babel

Nun ist aber genug. Gott fährt herab vom Himmel. Und beendet das schreckliche Schauspiel.

Wenn das das Ziel der Menschen ist, so zu sein wie Gott und Gott zu ersetzen, dann gab es einen Fehler in der Schöpfung. Dann ist eine Sprache für alle einfach nicht das Richtige.

Schluss, Aus, Ende. Der Turm, mühsam errichtet über lange Zeit, wird zerstört. Und zwar blitzschnell. Die Sprachen verwirrt. Jetzt ist Ende der Fahnenstange. Zerstreut, wo eben noch Einheit war.

Liebe Gemeinde, der Turmbau zu Babel und die Erzählung dazu, sie greift das alte Thema auf: die Bosheit der Menschen bzw. ihr Wunsch, wie Gott zu sein.

Damit ist der Turm zu Babel zum einen eine Erklärung, warum es so viele Völker und Sprachen gibt.

Eine Erklärung, wie man es sich früher gedacht hat.

Aber es ist auch die Geschichte, die das Grundübel benennt: warum wollen die Menschen wie Gott sein. Warum sind sie nicht zufrieden, Menschen zu sein.

Ohne Herrschen und Beherrschen. Ohne Oben und Unten.

Mit Babel kam die Katastrophe und das vorläufige Ende.

Wie gut, dass es aber noch eine Perspektive gibt. Und dies lautet Pfingsten!

 

 

Perspektive 8 – Der Heilige Geist

Am Ende aber siegt die Liebe. Die Liebe Gottes. Der Geist. Die Einheit.

An Jesus haben wir es gesehen. Gott will nicht den Tod, sondern das Leben.

Und Gott will Lebendigkeit der Menschen.

Nein, eine Sprache gibt es im Sprechen nach wie vor nicht. Aber es gibt eine neue Verbindung. Die Verbindung der Herzen. Die Verbindung im Geist. Die Verbindung, die Jesus geschaffen hat.

5Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

6Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

7Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?

8Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?

9Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,

10Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,

11Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

Ja, Gott will uns Menschen verbinden. In sich. In Liebe. In versöhnter Verschiedenheit.

Mag dieses Pfingstfest vielleicht neu dazu beitragen. Denn es gibt Risse und es gibt Dinge, die wir einander vergeben müssen.

Gott aber hat uns vergeben. Uns in Liebe angenommen.

So bitten wir den Geist, dass er uns führt und leitet. Hin zur Einheit. Mit Gott. Mit der Liebe. Mit den Menschen, die uns gegeben sind. Amen.